Februar 2020

Lassen Sie sich jeden Monat einmal inspirieren durch eine Frage, ein Motto, einen Text, ...

Moral beendet den Dialog - Interesse beginnt ihn!

Die häufigsten Themenfelder, zu denen ich in meinem beruflichen Alltag als Supervisorin/Coach angefragt werde, sind Reibungsverluste unterschiedlicher Art zwischen Einzelnen oder Gruppen. In der Regel haben es die Konfliktparteien schon eine Weile mit einander versucht, aber statt dass es besser wird, verfestigen sich eher die Negativ-Sichtweisen von einander.

Was ist passiert? Unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse prallen aufeinander. Eigentlich etwas recht Normales. Was es schwierig macht, ist, wenn diese Unterschiede nicht besprechbar sind, sondern in Vorwürfen ausarten, Klärungen unmöglich machen und statt dessen Kränkungen schaffen, die die Konfliktparteien noch weiter auseinander bringen.

Ein Aspekt, der für das Gelingen eines solchen Prozesses besonders wichtig und wertvoll ist, der aber leider frappierend schnell verloren geht, ist die Empathie. Empathie ist die Voraussetzung dafür, in Kontakt zu bleiben, Interesse an einander zu behalten und verstehen zu wollen, wie es zu dieser unterschiedlichen Sichtweise kommt. Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Was sind die Beweggründe für die jeweilige Sichtweise?

Eins ist auf jeden Fall sicher: jeder will gehört und jeder will verstanden werden! Moralische Vorhaltungen führen in die Sackgasse! Nur Interesse für die Meinung des Anderen führt weiter.

Vielleicht sind nicht alle Konflikte einvernehmlich zu klären - das ist allen Beteiligten oft auch klar. Trotzdem ist es wichtig, das Verstehen der Unterschiede für die jeweiligen Sichtweisen zu fördern/herzustellen, sodass diese nachvollziehbarer werden - auch wenn ich selbst bei meiner Meinung bleibe. Zu schnell lassen wir uns dazu verführen, das Verhalten des anderen als falsch zu bewerten, abzuwerten und die Diskussion vorschnell zu beenden, nach dem Motto: "Schließlich bin ich im Recht! Es ist alles gesagt!"

Frau Prof. Dr. Brinkmann von der TH Köln stellt in einem Artikel der Zeitschrift "Journal Supervision - 3/2019" die Frage: "Wann ich das letzte Mal eine Diskussion privat oder beruflich geführt habe, mit dem Wunsch zu verstehen, wieso mein Gegenüber genau diese andere Position vertritt, die er/sie vertritt?"

Natürlich kostet Verstehen-wollen Zeit, und wer hat schon Zeit? Der permanente Zeitdruck im Nacken, betrieblichen Anforderungen und Aufgabenstellungen sowieso schon kaum nachzukommen, sich immer häufiger Entscheidungen gegenüber zu sehen, die besser schon gestern hätten getroffen werden müssen, Kostendruck, Personalmangel, u.v.m. Wie soll da noch ein Haufen Gespräche rein passen?

Viele Gedankengänge sind verständlich und nachvollziehbar, aber stimmt es wirklich? Das, was wirklich Zeit kostet, sind ungeklärte Situationen, an denen man sich immer und immer wieder abarbeitet. Das, was wirklich Zeit spart, sind Gespräche, die Spannungen auflösen. Erkenntnisse, die zukünftig nicht mehr zu vorschnellen Bewertungen führen, Vereinbarungen, die auf Strecke Zeit sparen, weil allen klar ist, wie es gehen kann. Ein Verstehen, eine gelungene Aussprache/Klärung macht neue Begegnung wieder möglich und schafft Zuversicht in die zukünftige, gemeinsame Bearbeitung von neuen Herausforderungen.

Ich möchte mit einem Zitat von Carolin Emcke abschließen: "Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht? Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, (...)"

Ich wünsche Ihnen wie immer einen interessanten und erfolgreichen Monat.

Birgit Weinand